"Die Sehnsucht nach dem Unverfälschten wächst“

Was ist noch echt in einem Alltag, in dem vom Zeitungsfoto bis zum Lebensmittel vieles bearbeitet, optimiert oder inszeniert wird? „Die Sehnsucht nach dem Authentischen ist echt“, sagt Erwin Pröll im voll besetzten Dorfzentrum Radlbrunn bei der Aufzeichnung des jüngsten Kamingesprächs der Kultur.Region.Niederösterreich. „Sie ist auch bei jungen Menschen spürbar.“

Die Zahlen geben ihm Recht: Ob Feuerwehrverein, Chor oder Landjugendgruppe – das Ehrenamt verzeichnet in ganz Niederösterreich stetigen Zuwachs, wie ORF-Moderator Michael Battisti unter Verweis auf eine aktuelle Erhebung von Statistik Austria ausführte. Während junge Menschen in Österreich im Durchschnitt mehrere Stunden am Tag in digitalen Welten verbringt, steigt zugleich die Nachfrage nach Vereinen und echtem Erleben. Für Martina Hohenlohe, Chefredakteurin von „Gault&Millau“ Österreich, zeigt das eine Sensibilität für das Unverfälschte, die sich gerade in der Kulinarik zeigt. „Ein künstliches Lebensmittel wird im Geschmack nie echt sein, selbst wenn die Optik gelingt. Spätestens beim Geschmack merken wir, wenn etwas nicht authentisch ist.“

Für Aaron Karl, Schauspieler und ORF-Dancing Star, ist die Nutzung von KI-Systemen dennoch ein legitimes Mittel. „Wie bei jedem Werkzeug ist es auch bei KI entscheidend, dass wir sie vernünftig einsetzen. Ein Hammer darf in keiner Werkzeugkiste fehlen, aber wenn wir jetzt anfangen, damit wild um uns zu schlagen, haben wir ein Problem.“ Dieses Grundverständnis sieht Erwin Pröll als Auftrag: „Wir müssen auch den Mut haben, die Technik kritisch zu betrachten.“ Für Schauspieler Aaron Karl ist „Mut“ hier das Schlüsselwort, denn nach zahlreichen Bühnen- und Filmrollen ist für ihn klar: „Wir können im Leben alles spielen und vortäuschen, nur nicht Mut.“

Diesen Mut zum Echten sieht Martina Hohenlohe auch als gesellschaftliche Herausforderung, wenn der schnelle News-Post scheinbar gratis über die Weltlage informiert, während die Qualitätszeitung ebenso ihren Preis hat wie das authentisch produzierte Lebensmittel. Den Wert hinter diesem Preis gilt es für Aaron Karl bewusst zu machen, besonders in Kunst und Kultur. Kein Blick aufs Handy könne so berühren wie eine künstlerische Performance, nichts könne das Erleben mit anderen ersetzen.

Das Erleben mit anderen sah Erwin Pröll auch als Kernelement für den wachsenden Zulauf zu Vereinen in Niederösterreich. „Das Ehrenamt ist buchstäblich unbezahlbar, weil es etwas für die Gesellschaft leistet, das mit Geld nicht aufzuwiegen ist.“ Der Applaus, der an dieser Stelle das volle Dorfzentrum von Radlbrunn erfüllte, machte die Kraft des Unverfälschten hautnah spürbar.

Das Kamingespräch gibt es am Mittwoch, 16. September, ab 21.00 Uhr auf ORF Radio Niederösterreich hören.

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