Kamingespräch Zivilcourage - handeln oder zögern

Zivilcourage beginnt oft im Kleinen: mit einem Wort, einem Blick, einer Geste. Und doch wird sie in einer Zeit zunehmender Unsicherheit, Polarisierung und digitaler Ablenkung immer seltener sichtbar.

Für Franz Popp, dem höchsten Polizeibeamten des Landes Niederösterreich, stand eines von Beginn an außer Frage: „Wir müssen aufeinander schauen.“ Gerade in einer Gesellschaft, die ihren Blick immer häufiger auf digitale Kommunikationsmittel richte, bleibe oft unbemerkt, was im unmittelbaren Umfeld geschehe. Zivilcourage bedeute bewusstes Hinschauen statt Wegschauen.

Auch Schauspielerin Maddalena Hirschal, die sich ehrenamtlich für den Verein „Rettungsanker“ und gegen Gewalt an Frauen engagiert, bestätigt: „Wegschauen ist ein großes Problem. Es liegt oft gar nicht daran, dass wir keine Hilfe geben wollen, sondern daran, dass wir es gar nicht mehr bemerken, wenn sie gebraucht wird.“ Gleichzeitig erfordere Zivilcourage Mut – insbesondere dann, wenn man sich gegen eine Mehrheit stellen müsse. „Es ist nicht immer einfach zu sagen: ‚Ich stell mich gegen die anderen, weil das ungerecht ist`“, so Hirschal.

Zivilcourage sei aber nicht mit Selbstgefährdung gleichzusetzen, betonte Franz Popp mit Blick auf reale Bedrohungssituationen. Verantwortungsvoll zu handeln, bedeute auch, die eigenen Grenzen zu erkennen. „Man muss sich in einer Bedrohungssituation die Frage stellen: Kann ich selbst unmittelbar handeln, oder ist es eine zu gefährliche Situation und ich muss Hilfe herbeiholen“, so Popp. Dieses bewusste Abwägen sei kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck reflektierter Zivilcourage.

Im Gespräch wurde deutlich, dass Zivilcourage nicht allein eine Frage persönlicher Haltung sei, sondern wesentlich von Vorbildern, Erziehung und gesellschaftlichen Strukturen geprägt werde. Maddalena Hirschal verwies auf einen tiefgreifenden Wertewandel: „Unsere Vorbilder sind verrutscht. Der Gedanke ‚pass auf deine Nächsten auf‘ ist in den Hintergrund gedrängt worden.“ Umso wichtiger seien niederschwellige Anlaufstellen für von Gewalt und Ungerechtigkeit betroffene Menschen. „Ziel müsse es sein, ihnen Mut zu machen, Hilfe in Anspruch zu nehmen – und ihnen die Scham zu nehmen, die oft mit dem Erlebten verbunden ist“, so Hirschal.

Einig waren sich die Diskutierenden darin, dass Zivilcourage gelebt und positiv vermittelt werden müsse. Franz Popp plädierte für einen konstruktiven Zugang: „Wir müssen einen positiven Zugang finden, auch wenn es manchmal schwerfällt – Freude an der Tätigkeit zu finden und andere mitzureißen.“ Denn gesellschaftlicher Wandel beginne dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und andere ermutigen, es ihnen gleichzutun.

Oder, wie Maddalena Hirschal es zusammenfasste: „Wir haben viel zu tun als Gesellschaft.“

Zum Nachhören gibt es das Kamingespräch am 21. Jänner um 21.00 Uhr auf ORF Radio Niederösterreich. Die Kamingespräche sind eine Veranstaltungsreiher der Kultur.Region.Niederösterreich in Kooperation mit dem ORF Niederösterreich.

 

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