Regionalkultur und Fußballkultur gehen gemeinsame Wege

Regionalkultur und Fußballkultur sind einander nicht nur sehr ähnlich. Sie haben ganz konkret gemeinsame Qualitäten und gemeinsame Ziele: Identifikation, Zusammenhalt, Begeisterung. Beide Spielarten der Kultur inspirieren und begeistern, beide bilden als Formen der Breitkultur die starke Basis für Spitzenleistungen. Das ist der einhellige Tenor nach der Diskussion „Regionalkultur versus Fußballkultur“ der Kultur.Region.Niederösterreich im NV-Forum in St. Pölten. Über die beiden „Geschwister“ der Kultur diskutierten ÖFB-Aufsichtsratsvorsitzender Josef Pröll, UEFA-Beauftragte Irene Fuhrmann, Sportbischof Alois Schwarz und Volkskultur Niederösterreich-Geschäftsführer Harald Froschauer. Über Unterschiede und Gemeinsamkeiten referierte zudem Ethnologin Brigitta Schmidt-Lauber.

„Kultur und Fußball geben der Gesellschaft Kraft“

Gerade die Gemeinsamkeiten seien besonders auffällig, betonte ÖFB-Aufsichtsratsvorsitzender Josef Pröll: „Bei beiden entsteht ein Kraftfeld. Die Menschen in ihren Regionen leben das tagtäglich und schöpfen Kraft daraus. Dasselbe gilt für den Fußball, der alle in den Mannschaften, Vereinen und Stadien vereint. Beide geben der Gesellschaft eine Kraft, die man derart sonst nirgendwo schöpfen könnte.“ Fußball sei für ihn ein Phänomen, das einen kulturellen Aufbruch bedeuten könne, Euphorie erzeuge und „Zustimmung für eine Sache, die ich in neun Jahren in der Bundespolitik so nicht erlebt habe.“ Neben seiner Tätigkeit als Manager sei er in seiner ehrenamtlichen Funktion für den ÖFB gerne unterwegs, um mitzuhelfen, das Wertvolle und Völkerverbindende zu stärken. Sein Weltmeister-Tipp: „Spanien, wenn sich ihre Wege vorher nicht mit Österreich kreuzen.“

Irene Fuhrmann, als technische Beobachterin der UEFA frisch vom Champions-League-Finale der Frauen in Oslo zurück, sprach über die gemeinsame Kultur am Spielfeld und den Zusammenhalt über die Grenzen hinweg. „Bei der WM treffen so viele Länder und Kulturen wie noch nie zuvor aufeinander. Ich wünsche mir Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung.“ Die ehemalige Trainerin des Nationalteams der Frauen ist auch Mentorin für junge Trainerinnen – eine Initiative, die sie sich auch auf ihrem Weg gewünscht hätte. „Trainerinnen brauchen mehr Unterstützung und ein größeres Netzwerk.“ Das gemeinsame Ziel vereine Spielerinnen und Spieler ebenso wie die regionale Kultur und den Fußball: „Ich bin durch den Fußball immer selbstbewusster geworden und habe mich weiterentwickelt. Auch in der Regionalkultur gibt es starke Traditionen und Weiterentwicklung.“

Diözesanbischof Alois Schwarz verglich humorvoll Fußball mit Religion. „Schöner kann man die Ewigkeit nicht beschreiben als mit Liedern wie ,Auch wenn wir nicht mehr leben, Rapid wird´s immer geben´. Das wird gesungen wie das ,Großer Gott, wir loben dich´ in der Kirche.“ Gerade durch die WM habe der Fußball die weltverändernde Kraft, eine starke Botschaft zu hinterlassen: „Die ganze Welt wird hinschauen, wie in Frieden gespielt wird.“ Religion habe Mehrwert für den Einzelnen und zeige sich auch immer wieder, wie etwa, wenn „sich internationale Fußballer nach einem Tor zu bekreuzigen und sich bei Gott bedanken“. Regionalkultur und Fußball schaffen Verbindung, Gemeinschaft und Identität, so Alois Schwarz: „Menschen aller Generationen sind bei beiden eingebunden. Das ganze Dorf lebt von diesen Kulturen und lebt bei einem Spiel oder bei einem Konzert mit.“

Ohne Ehrenamt sind Kultur und Sport nicht möglich

Ein Paradebeispiel für die gelebte Verknüpfung von Kultur und Fußball ist Harald Froschauer,Geschäftsführer der Volkskultur Niederösterreich sowie Präsident des ASK Loosdorf. Das gemeinsame Erlebnis - ob im kulturellen oder im sportlichen Bereich – mache Menschen Freude, gleich ob im Fußballklub oder im Kulturverein. Der Blick über den Tellerrand im Vergleich der beiden Kultur-Arten sei ähnlich dem, den die Volkskultur Niederösterreich aktuell mit einem Prozess vollzieht, die Volkskultur weiterzudenken und im 21. Jahrhundert ankommen zu lassen. Sein Fazit: „Ohne Ehrenamt geht es weder in der Kultur noch im Fußball. Diese ehrenamtliche Arbeit ist essenziell für unsere Gesellschaft.“

Eines der Highlights war die Einspielung eines Interviews von Kultur.Region.Niederösterreich-Geschäftsführer Martin Lammerhuber mit Nationalspieler Christoph Baumgartner, einem gebürtigen Horner. Der Profi-Kicker, der verletzungsbedingt leider für die WM ausfällt, brach eine Lanze für das freiwillige Engagement: „Das Zusammenhelfen verbindet die regionale Kultur und den Fußball. Ohne dem würde es nicht funktionieren. Ohne freiwilliger Arbeit wäre das alles nicht möglich.“ Für Baumgartner spiele der Glaube eine große Rolle: „Ich bete vor und nach den Spielen. Ich glaube, dass es da eine Unterstützung von oben gibt, und das gibt mir viel Sicherheit und Halt.“

„Regionalkultur und Fußballkultur stiften Identität“

In ihrer Keynote widmete sich Brigitta Schmidt-Lauber aus wissenschaftlicher Sicht den Unterschieden und den Gemeinsamkeiten der regionalen Kultur und des Fußballkults. Die Vorständin am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien skizzierte die beiden „Sparingpartner“ als „hier eine lokale Dorfgemeinschaft und dort ein Großereignis, das internationalen Regeln folgt. Auf den ersten Blick scheinen die Welten unvereinbar.“ Bereits beim zweiten Blick identifiziert sie beide Kulturarten als „sicht- und erlebbare Bestandteile des Alltagslebens mit hohem Identifikationspotenzial“. Mit äußeren Ausprägungen wie Fangesängen und Chorgesang sowie inneren Anknüpfungspunkten wie dem Stiften von Identität und der Kraft hinter dem gemeinsamen Engagement. „Kultur ist immer gelebte Praxis und auch in Veränderung und passt sich damit den Anforderungen gesellschaftlicher Zustände an. Beide Felder ermöglichen Erleben und stiften Gemeinschaft. Beide Bereiche sind mit Sinnn und Bedeutung versehen. Und beide spielen ihre Rolle für die Identifikation in der Gesellschaft.

Kultur.Region.Niederösterreich-Geschäftsführer Martin Lammerhuber unterstrich die Essenz der Diskussion:„Das Gemeinsame ist unter anderem der Bereich der Nachwuchsarbeit und der Talenteförderung. Das passiert im Fußballsport genauso wie in der regionalen Kulturarbeit. Dann sind da die vielen Ehrenamtlichen und die Kraft, auf ein Ziel hinzuarbeiten und sich gemeinsam zu freuen. Ob das nun bei einem Spiel ist oder bei einem Konzert. Das alles sind Kraftquellen, die gerade heute sehr wichtig und verbindend sind.“

Der Vorarlberger Sänger, Schauspieler und Kabarettist Markus Linder, unter anderem bekannt durch seine Rolle des Pfarrers Anton Prinz in „Vier Frauen und ein Todesfall“, bescherte heitere musikalische Ausflüge in die Regionen und humorvolle Einblicke in den Fußballkult. Durch die Begegnung führte Moderator Andy Marek, seit 30 Jahren „Team Speaker“ des Fußball-Nationalteams.

Größen in den Regionen

Im Juni und Juli feiert die Fußballkultur dann Hochsaison, wenn Groß und Klein die Fußball-WM mitverfolgt. Mit mehr als 500 Vereinen und 2.000 Mannschaften hat der Fußball gerade in Niederösterreich eine Kraft, die sich mit einer weiteren, tief verankerten Kultur vereint: der Regionalkulturmit mehr als250.000 Akteurinnen und Akteuren, darunter mehr als 63.000 Musikschülerinnen und Musikschüler, 1.400 Chöre und Vokalensembles, tausende Bands und Tanzgruppen, mehr als 800 Museen, Sammlungen und Bildungswerke sowie 260 Büchereien.

Wertvolle Infos für Vereine über das Veranstalten von Public Viewings gibt es hier.

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